200 Jahre Russlandfeldzug – 175 Jahre Obelisk

Auszug aus der Rede von Stadtarchivar Franz Haselbeck anlässlich der Gedenkfeier am 13. Oktober 2012 im Stadtpark 

„Dieses schöne Monument ist für jeden, der diesen freundlichen Friedhof betritt, eine stumme Bitte, derjenigen zu gedenken, die durch Hunger oder Kälte im rauhen Norden geblieben und denen nicht einmal in geweihter Erde zu ruhen gegönnt war, eine stumme Bitte, derjenigen zu gedenken, die im heißen Kampfe, mit Blut und Wunden bedeckt, auf dem Schlachtfelde fielen und die nicht so glücklich waren, auch nur ein tröstendes Wort von des Priesters Munde zu vernehmen, geschweige denn, die Reise in die Ewigkeit anzutreten nach Empfang der heiligen Sakramente.“ 

Das war, verehrte Anwesende, eine Passage aus der „tiefgefühlten Anrede“ des Traunsteiner Stadtkooperators Joseph Reisenberger anlässlich der Enthüllung des Obelisken auf dem städtischen Friedhof am 15. Oktober 1837. Und mit seinen mahnenden Worten unterschied sich der Geistliche wohltuend von seinen beiden Vorrednern, die teilweise doch sehr martialisch auftraten. 

So sprach der Landwehr-Bataillonskommandant von einem Denkmal, „aus hartem Stein und guten Eisen geformt, fürwahr ein Sinnbild der bayerischen Krieger im Gewühle der Schlacht“. Und Landrichter Wolfgang Hacker stellte in seiner Zusammenschau der Militärgeschichte Bayerns fest:

„Das völkerbeherschende Schicksal trennte nun das Loos Bayerns von jenem Frankreichs und band es an die alli[i]erten Mächte. Aber auch nach dieser Catastrophe bewies die bayerische Armee, daß in jedwederer Verbindung, unter allen Verhältnüßen, kriegerisches Blut ihre Adern durchfließe.“ 

Eine „Catastrophe“, ja, das war der Feldzug Napoleons gegen Russland 1812, den von den beteiligten bayerischen Soldaten – die Zahlen schwanken zwischen 30.000 und 35.000 – nur rund zehn Prozent überlebten, zweifelsohne. 

Ich möchte Ihnen im Folgenden insgesamt fünf, ich möchte sie als „Randnotizen“ bezeichnen, Punkte nennen, auf die ich bei meinen Recherchen über die Geschichte dieses Denkmals gestoßen bin, und auf diese etwas näher eingehen.

Es sind historische Marginalien, die man nicht überall an vorderster Stelle nachlesen kann, die meines Erachtens aber sehr schön zeigen, wie interessant, überraschend und manchmal auch kurios die intensive Beschäftigung mit Heimatgeschichte sein kann, wenn man sich nur entsprechend auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung einlässt, sprich, sich seriös mit den vorhandenen schriftlichen Quellen befasst und diese entsprechend auswertet. Es bietet sich dabei an, dass ich die einzelnen Punkte mit einer Frage einleite und Ihnen diese anschließend natürlich auch gleich beantworte. 


Frage 1 lautet: Wann wurde der Obelisk enthüllt? 

Wer der Kranzniederlegung und dem Ehrensalut beigewohnt und dabei das Denkmal genauer betrachtet hat, der mag bei dieser Frage zu Recht die Stirn in Falten legen, steht doch die Antwort an der Nordseite des Sockels in goldenen Zahlen und Buchstaben deutlich zu lesen:

„AM 25. AUGUST 1837“. Das wäre, die Geschichtskundigen unter Ihnen werden es wissen, der Geburtstag des damals regierenden Königs Ludwig I. gewesen. Besser geht’s doch nun wirklich nicht. 

Denjenigen unter Ihnen, die mir von Anfang an aufmerksam zugehört haben – ich hoffe, das ist die große Mehrheit –, wird allerdings aufgefallen sein, dass ich einleitend ein anderes Datum genannt habe: den 15. Oktober 1837. Und – ich habe mich weder versprochen noch getäuscht. Der Obelisk wurde tatsächlich erst an diesem Tag enthüllt. Denn die Maxhütte im benachbarten Bergen, der man am 30. Juni 1837 den entsprechenden Auftrag für den Guss, verbunden mit einer Anzahlung, erteilt hatte, konnte scheinbar den fest zugesagten Termin nicht einhalten und lieferte die Einzelteile, die man anschließend auch noch vor Ort zusammensetzen und aufbauen musste, erst Anfang Oktober. Handwerker waren eben schon damals nicht immer zuverlässig. 

Mit dem groß angekündigten königlichen Geburtstag war man jetzt natürlich in der Bredouille. Ändern konnte und wollte man das Datum nicht mehr und kam daher auf eine geradezu salomonische Lösung; eben den 15. Oktober, Namenstag der Königin Therese, noch dazu ein Sonntag und – wie sich herausstellen sollte, im 1837er Jahr einer der (ich zitiere) „schönsten, unvergeßlichen Herbsttage“. Kurz gesagt, es war Kaiserwetter bzw. starker Föhn, und so fiel es dem Landwehr­kommandanten leicht zu behaupten, dass „dieses ächt patriotische Fest [durch] das heutige Namensfest Unserer allergnädigsten Königin, Majestät Therese, noch mehr verherrlichet wird“. Danach nahm die Zeremonie ihren Lauf, wie es sich für die damalige Zeit gehörte, mit markigen Worten und Böllerschüssen, mit Feldgottesdienst und Gottes Segen, mit Hochrufen auf König und Vaterland „unter einstimmiger Begeisterung aller Anwesenden“. Der Nachwelt aber überlieferte man für alle Zeit des Königs Geburtstag, ihre Majestät die Königin hatte lediglich als willkommene Platzhalterin gedient.

Zumindest wir aber haben uns mit unserer heutigen Feierlichkeit dem richtigen Datum bis auf zwei Tage angenähert. 


Wer war bzw. waren nun der oder die Auftraggeber für dieses Denkmal? 

So lautet meine zweite Frage, und auch darauf lässt sich, die – dieses Mal jedoch richtige – Antwort am Obelisk selbst ablesen: „ERRICHTET VON DEM VEREINE DER BEABSCHIEDETEN SOLDATEN“. Veteranen waren es also, die hinter diesem Denkmal standen. Exakt 116 hatten sich im Oktober 1836 zu besagtem Verein zusammengeschlossen. Von ihnen hatten 47, also knapp 50 Prozent, an einem der insgesamt sechs Feldzüge zwischen 1805 und 1813 teilgenommen. Der Rest hatte erst nach den Napoleonischen Kriegen seinen Dienst in der bayerischen Armee abgeleistet. 

Gemeinsame „Rekordhalter“, wenn man das so ausdrücken darf, mit jeweils 5 Kriegseinsätzen waren der Taglöhner Georg Lagl aus der Au sowie der Wegmacher Michael Kolmberger aus Traunstein. Sie repräsentieren zum einen mit der königlich-bayerischen Stadt Traunstein und der Salinengemeinde Au die beiden Orte, aus denen die überwiegende Zahl der Mitglieder stammte. Die auch im Vereinsnamen aufgeführte „Umgegend“ war nur sehr spärlich vertreten. Zum anderen geben ihre Berufe einen deutlichen Hinweis auf die soziale Schichtung der Vereinsmitglieder. Knechte, Arbeiter, Taglöhner und Gesellen gaben den Ton ab, auch im Vorstand, das wohlhabende Bürgertum sucht man hingegen weitgehend vergebens. 

Nach meiner Ansicht belegt dieses lokale Phänomen mehr als deutlich eine allgemein bekannte Tatsache: Die im Jahr 1805 in Bayern eingeführte allgemeine Wehrpflicht bestand in den ersten Jahren und Jahrzehnten lediglich auf dem Papier. In Wahrheit ließen Ausführungs­gesetze und Verordnungen Ausnahmen en masse zu. Zudem gab es die Möglichkeit des Loskaufs durch Bezahlung eines Stellvertreters. Das alles änderte sich erst mit der Heeresreform 1868. Bis dahin war der freiwillig und mit heißem Herzen seinem Vaterland dienende Sohn eines betuchten Bürgers die Ausnahme, die Regel waren arme Schlucker, die entweder ihrer eigenen Dienstpflicht nachkamen oder gegen ein Salär und in der Hoffnung, gesund an Leib und Seele heimzukehren, für einen Wohlhabenden einstanden. 

Und eben diese Angehörigen der unteren Schichten gründeten den „Verein der beabschiedeten Soldaten der königlich-bayerischen Stadt Traunstein, der Gemeinde Au nebst Umgegend“, dessen Hauptziel es war, für jedes verstorbene Mitglied eine feierliche heilige Messe in der Friedhofskirche lesen zu lassen. Außerdem wollte man zum Gedenken an alle verstorbenen Waffengefährten ein Denkmal auf dem hiesigen Gottesacker errichten. Darüber hinaus erfüllten die „Beabschiedeten“ auch caritative Aufgaben. Es sollte „für jedes hülflose Mitglied, welches von nicht selbst veranlaßten Unglück getroffen, eine den Umständen angemäßene Unterstützung für den Augenblick ausgemittelt werden.“ 

Die leisen Töne dominierten, nicht, wie in späteren Jahrzehnten allzu oft, die militärisch-revanchistischen, deutsch-nationalen Dumpfheiten. So kann ich an dieser Stelle zumindest mein Gefühl beschreiben, das sich bei meiner umfassenden Beschäftigung mit der Gründungsgeschichte der Traunsteiner Veteranen mehr und mehr verfestigt hat. 

Auch meine nächste Frage mag Sie zunächst verwundern.


Wie war das Verhältnis der Traunsteiner Veteranen zur Obrigkeit? 

Ein Verein, der aus eigenem Antrieb ein Denkmal plant, innerhalb kürzester Zeit verwirklicht und ohne jede fremde Hilfe finanziert, mit den ärmlichen Beiträgen seiner im unteren Bereich der gesellschaftlichen Skala angesiedelten Mitglieder innerhalb von nur drei Jahren die daraus entstandenen Schulden abbezahlt, dessen Angehörig in Krieg und Frieden treu ihren Dienst für König und Vaterland abgeleistet hatten, der noch dazu soziale Aufgaben wahrnimmt: Was sollte man bitteschön gegen so einen Verein haben. Nichts … 

… muss die Antwort eigentlich lauten, und anfangs war dies auch so. Der schon eingangs erwähnte Landrichter Hacker war allem Anschein nach den Veteranen stets wohl gesonnen und hatte Verein und Satzung am 16. August 1838 auch abschließend „von Polizeiwesen genehmigt“. Allerdings wurde dieser Verwaltungsbeamte 1840 nach Memmingen versetzt, und unter seinem Nachfolger Sigmund Kienast änderte sich die Tonlage, und zwar rasch und dramatisch.                   

„Dass er wohl Lust hätte, diesen Verein ganz zu zerstören“, eine Aussage des neuen Landrichters, die auch mich beim Studium der Quellen zunächst mehr als nur verwundert hat. Kienast untersagte als erstes gleich einmal die jeweils zum Gedenken an die Enthüllung des Obelisken begangene „Jahrtagsfeyer“ und verbot dazu, aus Gründen, die mir nie ganz klar geworden sind, die Vereinsfahne, da man dafür „keine specielle Erlaubniß beygebracht“ hatte. 

Zieht man Max Fürst, den Altmeister der Traunsteiner Heimatgeschichte, zu Rate, glaubt man zunächst, des Rätsels Lösung gefunden zu haben. In seinem Standardwerk „Traunstein im 19. Jahrhundert“ kann man über Kienast folgendes nachlesen: „[Dessen] geübte weitgehende Strenge machte diesen Beamten bei der Bürgerschaft derart mißliebig, daß er alsbald um einen anderen Posten umzusehen sich veranlaßt sah.“ 

Ein sturer Paragraphenreiter also, noch dazu ein Auswärtiger, dessen Eitelkeit die unbedarft agierenden Veteranen durch verabsäumte Bitten um entsprechende behördliche Genehmigungen und fehlenden vorauseilenden Gehorsam gekränkt hatten! Eine passende und einleuchtende Erklärung. Doch sie greift nicht weit genug. Tatsächlich scheint es so, dass auch der Münchner Obrigkeit die frühen Veteranen­vereinigungen eher suspekt waren bzw. mehr und mehr wurden. Ab etwa 1842 mussten Kriegervereine bei der bayerischen Armee gemeldet werden, und die staatliche Bürokratie nahm die „militärische Kameradschaftskultur“ nunmehr immer genauer unter die Lupe. 

Diese reservierte Haltung gegenüber den „alten Kämpfern“ mag, zumindest ansatzweise, ihre Begründung in deren sozialer Herkunft finden. Der „kleine Mann“, der im Felde oft grausames Leid erfahren hatte und dafür im späteren zivilen Leben nur selten belohnt worden war, neigte halt gerne einmal dazu, seine Probleme im Alkohol zu ertränken, nicht selten begleitet von Raufhändeln und nächtlichen Ruhestörungen. Dass bei solchen Gelegenheiten auch politische Ansichten artikuliert wurden, die den Regierenden wenig sein konnte, versteht sich fast von selbst. Einen solchen Verein sah man in einem braven Landstädt­chen, ungeachtet seiner Verdienste, nicht immer gerne.   

Zugegeben, dies ist eine Vermutung. Aber die zahlreichen Feiern der Veteranen beim Bothenwirt stehen ihr zumindest nicht entgegen. Der Bothenwirt in der Schützenstraße 8 darf nämlich als das Lokal der Arbeiterbewegung in Traunstein gelten. 1899 wurde dort auch der Sozialdemokratische Verein als Vorläufer der SPD gegründet, und die war damals keinesfalls eine Partei der Mitte, sondern galt den Bürgern als revolutionärer Haufen, der ihre Existenz nachhaltig bedrohte. Sie sehen, die Zeiten ändern sich. 

Das Problem mit der Fahne, hinter dessen Herkunft ich, wie gesagt, nie ganz gekommen bin, fand übrigens eine ganz einfache, aus meiner Sicht geradezu typisch bayerische Lösung. 1844 war das kurze Intermezzo des Landrichters Kienast zu Ende, München war damals noch ohne Eisenbahn (die kam erst 1860) weit, und so trug der Verein, obwohl tatsächlich „Seine Majestät der König demselben die Führung einer eigenen Fahne allerhöchst nicht zu bewilligen geruht haben“, die selbe ungeniert bis 1872 bei offiziellen Anlässen weiterhin zur Schau.

Der Stein des Anstoßes hat sich bis heute erhalten, allerdings in sehr schlechtem Zustand, der eine Restaurierung erfordert, die gerade von Experten des Landesamts für Denkmalpflege geprüft wird. 


Frage 4 haben Sie sich vielleicht in den vergangenen Minuten schon einmal selbst gestellt. Woher beziehe ich meine Weisheiten, die ich Ihnen hier zum Besten gebe? 

Eigentlich ist diese Frage nicht besonders spannend. Im Archiv sind die schriftlichen Quellen zur Stadtgeschichte, die kann der Archivar lesen und auswerten, das hat er gelernt, dafür wird er bezahlt. 

Das ist zweifelsohne richtig. Tatsächlich findet sich in den von mir verwalteten Beständen ein einschlägiger Akt über die „Gründung eines Vereins beabschiedeter Soldaten“ im Zeitraum zwischen 1838 und 1842, und natürlich habe ich diesen auch herangezogen. Nichts Besonderes, nur der ganz normale Archivalltag. Aber es findet sich auch noch etwas anderes: Nämlich dieser gewichtige Foliant, den ich Ihnen zur Ansicht mitgebracht habe; das „Grundbuch des Vereins der beabschiedeten

Soldaten der königlich-bayerischen Stadt Traunstein, der Gemeinde Au nebst Umgegend“. Eine bis kurz vor 1900 geführte Chronik des Vereins, die zudem ausweislich der Titelseite „dessen Entstehung, die feyerliche Enthüllung und Einsegnung des auf dem Gottes-Acker zu Traunstein gesetzten Monumentes nebst der dabey vorgekommenen Feyerlichkeit, ferner die Verrechnung aller Einnahmen und der sich dabey ergebenen Kosten“ dokumentiert. Und diese Chronik wird spätestens dann zu etwas Besonderem, sobald man den auf der Vorsatzseite eingeklebten Vermerk liest. Er lautet wie folgt: 

„Dieses Buch wurde am 9. April 1968 vom Hausmeister der Kreis­sparkasse Traunstein, Herrn Greppert, in einer Mülltonne […] an der Haslacher Straße gefunden. Herr Greppert erkannte sofort den Wert des Buches für die Chronik der Stadt Traunstein und übergab dasselbe mir als derzeitigem Vorstand der Krieger- und Soldatenkameradschaft Traunstein. Es ist somit ein unschätzbares Dokument vor der Vernichtung gerettet worden.“ Gezeichnet Hermann Geiselmann, Vorstand, am 17. April 1968. 

Wer der Kulturbanause war, der dieses Kleinod dem Müll überantwortet hatte, blieb unbekannt. Der Verein jedenfalls handelte weitsichtig und deponierte es im Stadtarchiv, wo es seither aufbewahrt wird. Ohne diesen Band wäre die Quellenlage zu diesem Thema weitaus dürftiger, wäre vieles von dem, was ich zur Historie von Verein und Denkmal erforschen konnte, auf immer im Dunkeln der Geschichte geblieben. 

Sie sehen, meine Damen und Herren, an diesem kleinen Beispiel, wie notwendig der pflegliche Umgang mit historischen Quellen ist und dass auch oftmals lediglich reines Glück – in diesem Fall verkörpert durch einen pflichtbewussten und mitdenkenden Hausmeister – für den Erhalt wichtiger Dokumente verantwortlich zeichnet. 


Ich komme zu meiner fünften Frage. Was bringt, abgesehen von klugen Worten, Archivarbeit? 

Wenig bis gar nichts, werden sich einige unter Ihnen jetzt denken. Mehr,

als man angesichts der vordergründig trockenen Materie vermutet, behaupte ich. Und manchmal auch Wichtiges. Gerade die von unserem Oberbürgermeister ausführlich angesprochene Restaurierung des Obelisken liefert hier zwei schöne Beispiele, eine Nebensächlichkeit für Experten und Detailversessene, aber auch die Lösung eines durchaus zentralen restauratorischen Problems. 

Beginnen wir mit der Nebensächlichkeit. Die Regensburger Restauratoren stellten bei ihren Arbeiten fest, dass bei der Inschrift in „BEABSCHIE-DETEN“ zunächst das „C“ im Gussmodell vergessen worden war. Also hatte man die Buchstaben nach dem „S“ bis zum Ende des getrennten Wortes abgeschliffen, „CHIE“ separat neu gegossen und dann aufgeschraubt. Die gerade ausführlich gewürdigte Vereinschronik bestätigt die Erkenntnis der Kunsthandwerker. Denn in der Tat waren 1841 (Zitat) „für Abänderung der 4 Buchstaben an dem Monument an Schramhauser Schlosser 12“ Gulden bezahlt worden. Eine stattliche Summe. Nicht aufgeführt werden leider die Schimpfwörter und Flüche, mit denen man den damals für diese Nachlässigkeit Verantwortlichen mit Sicherheit bedacht hatte angesichts der Tatsache, dass der Zeitplan für die Lieferung des Obelisken ohnehin schon gnadenlos überschritten worden war. 

Weitaus wichtiger war die ursprüngliche Farbgebung des Obelisken. Bei der 1986/87 durchgeführten ersten Restaurierung entschied man sich für einen hellen Grauton, wohl kaum der ursprüngliche Anstrich. Mit denkmaltechnischen Methoden aber war die Fassung aufgrund der starken Überarbeitung nicht mehr nachvollziehbar. Daher wurden zunächst alle im Stadtarchiv vorhandenen alten Fotografien herangezogen und ausgewertet. Eine Aufnahme von 1910 zeigt zumindest den Pfeiler eindeutig in Schwarz oder einem dunklen Anthrazit. Vom Abbau 1986 sind ebenfalls Fotos vorhanden, allerdings nur in schwarz-weiß und von schlechter Qualität; auch sie lassen eine dunkle Farbe erkennen. 


Und was sagt die Abrechnung in der Chronik?

„[… 8 Gulden ausbezahlt] dem Mahler Sollinger für Vergoldung der […] 120 Buchstaben“ und 4 für (mehrfaches) „schwarz Anstreichen des Monuments, die steinernen Stuffen grau.“ Damit konnte den Restauratoren eine abschließende Entscheidungshilfe für die passende Farbwahl an die Hand gegeben werden. 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Festgäste, ich komme zum Schluss. Sollte es mir gelungen sein, Ihnen den Obelisken in seinem historischen Kontext ein wenig näher zu bringen, wäre meine heutige Aufgabe sicher erfüllt. Vielleicht habe ich auch das ein oder andere Interesse an den eingangs erwähnten Publikationen wecken können. Zumindest hoffe ich, Sie nicht allzu sehr mit meinen historischen Anmerkungen gelangweilt zu haben.


Gestatten Sie mir abschließend eine allerletzte, bewusst provokant formulierte Frage. Ist es notwendig, solche Denkmäler zu erhalten, und falls ja, warum? 

Ja, es ist notwendig, einmal, um die Historie, die man an Ihnen ablesen kann, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Noch wichtiger aber ist zumindest für mich – und ich hoffe sehr, mich damit auf Seiten einer breiten Mehrheit zu bewegen – ein ganz anderer Grund. Vor 25 Jahren verglich im Rahmen der Feierstunde, bei der beide erneuerten Kriegerdenkmäler der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, der damalige Stadtpfarrer Franz Mooslechner den Obelisken „mit einem Zeigefinger, der zum Frieden mahne. Wir alle seien verpflichtet, Frieden zu stiften, den Gott, in dessen Richtung der Obelisk zeige, wolle den Frieden.“ 

Zum Frieden mahnen, die eigene Geschichte erkennen und pflegen, niemals aber vergangene Kriege verherrlichen, das muss heute die Intention sein und das war sie meine Erachtens auch vor 175 Jahren, als einfache Leute dieses Denkmal geschaffen und Zeit ihres Lebens in Ehren gehalten haben. 

Ich danke Ihnen sehr, dass Sie mir so lange und so aufmerksam zugehört haben.

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